Um auch einmal über den Tellerrand hinauszuschauen lassen wir unseren Blick in Richtung Genf schweifen. Wir stellen vor: Garance.

In der Deutschschweiz weiss man oftmals gar nicht, was in anderen Regionen der Schweiz musikalisch so passiert. Aus diesem Grund haben wir uns mit Garance getroffen. Seit 12 Jahren ist sie als DJ in Genf tätig und bereits seit 7 als Produzentin. Diesen Sommer erschien auf dem amerikanischen Label Tulipa Recordings eine drei Track umfassende EP mit zwei Remixes von Javier Orduna und Matthus Raman und davor veröffentlichte sie bereits auf District Raw oder Soulfooled.

Dass ich mich mit Garance in Amsterdam zum Interview treffe, ist eigentlich sinnbildlich für die Distanz zwischen den Sprachregionen. Allgemein stellt man fest, dass der schweizweite Austausch zwischen den Clubs und Künstler nicht so rege gepflegt wird, wie man es sich für ein kleines Land wie der Schweiz denken könnte. Das inzwischen schon öfters an Podiumsdiskussionen und Round Table diskutierte Thema kommt auch bei unserem Gespräch auf. Während zwei Stockwerke unter uns im Shelter Club getanzt wird, unterhalten wir uns über die neuen Musikprojekte von Garance und den Röstigraben.



Du kannst bereits auf eine langjährige Tätigkeit als Künstlerin zurückschauen. Wie ist das am Ende des Tages, bist du da mehr DJ oder Produzentin?

Ich finde, Produzieren und auflegen muss man sehr differenziert betrachten. Für mich sind das zwei ganz verschiedene Tätigkeiten, obwohl heutzutage oft beides miteinander in Zusammenhang gebracht wird. Viele glaube, dass ein DJ auch produzieren muss; viel mehr als ein Produzent auch auflegen muss. Angefangen zu produzieren habe ich, da ich selbst ein Instrument spiele.

Im Endeffekt lege ich jedoch mehr auf. Ich geniesse aber beides gleichermassen auf seine ganz eigene Art und Weise. Produzieren braucht halt immer Zeit. Man muss sich gut fühlen, um kreativ zu sein. Ich bin aber zufrieden mit meinem Output, mit zwei bis drei EPs im Jahr ist das nicht schlecht. Aber um nochmals auf den Unterschied zwischen Produzieren und Auflegen zurück zu kommen, natürlich spiele auch ich gerne einen meiner eigenen Tracks, wenn es passt. Aber ich produziere die Tracks nicht, damit sie in meine Sets passen.

Welches Instrument spielst du?

Ich kann Flöte und Dudelsack spielen.

Wie kommt man dazu Dudelsack zu spielen?

Am Anfang war es eigentlich bloss ein Witz. Ich ging noch zur Schule und da habe ich mich mit einer Kollegin darüber unterhalten. Wir haben uns dann informiert und bei der britischen Botschaft angerufen und gefragt, ob man das in Genf lernen kann. Sie sagten uns dann: “Ja, es gibt einen Kurs jeden Montag am Collège de Stael.” Der Zufall wollte es, dass das genau unsere Schule war. Kurzerhand haben wir uns dazu entschlossen es auszuprobieren. Als wir damit anfingen, vielen wir natürlich auf wie Kanarienvögel. Es funktionierte aber und bald gehörten wir dazu.

Wie bist du dann zur elektronischen Musik gekommen?

Die elektronische Musik kam ganz natürlich und parallel zu allem anderen dazu. Ich habe mir jede Sendung von “Pump It Up Live” auf Couleur 3 angehört und war nebenbei jeweils auch intensiv Feiern. Daraus entstand der Drang selbst das Mixen und später dann auch das Produzieren zu lernen.

Freunde von mir, die bereits Produzierten, führten mich ein und zeigten mir, wie man mit Ableton und Reason Musik macht. Am Anfang war es für mich gar nicht einfach, das Verständnis dafür zu erlangen. Es ist sehr technisch, damit musste ich am Anfang erst einmal klarkommen. Ich kenne ja die Noten und Harmonien, diese dann aber in dem “rationalen” Programm abzubilden, ist nicht einfach. Inzwischen habe ich aber den Punkt erreicht, bei dem ich mich wohlfühle und auch meine Ideen umsetzen kann.


Garance


Wird es bald eine neue Veröffentlichung geben von dir?

Das hoffe ich. Mit meiner Freundin DJ Puma, die wie ich auch bei der Electron Unlimited Agency ist, startete ich erst kürzlich eine Kollaboration. Wir kennen uns sehr gut und spielen auch oft Back 2 Back, weshalb es ein nahelugender Schritt war, uns zusammen ins Studio zu setzen. Wir ergänzen uns super und schnell sind einige Tracks entstanden. Im Moment suchen wir aber noch nach einem Label und auch nach einem Projektnamen, aber auf das Release freue ich mich jetzt schon.

Wir in der Deutschschweiz sind ja oftmals etwas blind, wenn es um Aktivität in der Westschweiz geht. Wie ist die Szene in Genf und wie seht ihr den Austausch zwischen der Deutschschweiz und der Romandie?

In Genf spürten wir immer den Röstigraben. Für uns ist es zum Beispiel einfacher, in Berlin oder in Frankreich zu spielen als in Zürich. Man empfindet das als seltsam. Vor 15 Jahren konnte Genf noch mithalten. Inzwischen ist Zürich aber Hauptstadt für elektronische Musik in der Schweiz und daran orientiert man sich gewissermassen. Wir hatten damals eine grosse Untergrund-Szene – sehr alternativ. Ende der 90er-Jahre zerbrach das Ganze, da seitens der Stadt Restriktionen eingeführt wurden, die eine solche Kultur verunmöglichten. Über Jahre war es dann sehr ruhig. Inzwischen tut sich aber wieder etwas und eine neue Szene wächst heran. Viele kleine Kollektive bilden sich, die Partys und Raves in alten Häusern organisieren.

Dann gibt es in Genf auch wieder mehrere Clubs, die daran arbeiten, die Stadt auf die Bildfläche der elektronischen Musik erscheinen zu lassen. Ich denke dabei an Clubs wie La Gravière, Le Zoo (de l’Usine), Le Motel Campo, Le Baby Boa und den gerade erst eröffneten Audio Club. Dessen grosser Saal wird gar bis zu 800 Personen fassen. Diesen Freitag 10. November findet mit einem grossartigen Programm, bestehend aus Agoria, DeepChord, Laolu und La Forêt, die offizielle Eröffnungsparty statt.

Aber um auf die Frage zurückzukommen. Ich kann es auch nicht erklären, weshalb es diese Gräben zwischen den Regionen gibt. Bräuchte es ja eigentlich nicht, oder?



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