Nach einem kurzen Unterbruch melden wir uns mit der UBWG-Mixreihe und einem hochkarätigen Gast zurück. Die nun schon 106. Ausgabe unseres Podcasts featuret die Berner Produzentin und DJane Juli Lee. Früher als Tänzerin und Choreografin unterwegs, machte sich die selbständige Mitinhaberin der Tanzschule Tanzwerk mit regelmässigen DJ-Bookings in New York und diversen Releases einen Namen. Wir trafen die Musikbegeisterte am Mittwochabend im Radio Bollwerk für ein Gespräch über ihr musikalisches Leben.

Juli Lee ist eine vielschichtig interessierte self-made Frau. Ihr Studium der Politikwissenschaften brach sie ab, obwohl sie ein gefragtes Praktikum bei der Botschaft erfolgreich abschloss und die Chance erhielt, mit dem Botschafter in höherer Funktion in Genf weiterzuarbeiten. Juli braucht ihren Rückzugsort und will machen, was ihr Freude bereitet. Arbeitstage à 16 oder gar 20 Stunden sind kein Problem, sofern diese selbstbestimmt sind. So machte sich die Bernerin bereits vor rund zehn Jahren selbständig – seit gut sechs Jahren ist sie es wirklich.

Ihre Selbständigkeit begann als Mitgründerin der Tanzschule Tanzwerk in der Berner Matte – dort ist die begnadete Tänzerin noch immer Mitinhaberin, kümmert sich aber bloss noch um einige administrativen Arbeiten. Damals hatte sie viele Tanzauftritte und Aufträge als Choreografin, war aber schon immer stark von der Musik angetan. So stellte sie die Mixes für ihre Tanzschule zusammen, machte erste Edits und Remixe, damit die Musik besser mit dem Tanz harmonierte. Für ihre Maturarbeit 2004 wollte sie ein Gedicht vertonen und sich innert zwei Monaten Cubase beibringen. Damals hat es sie gepackt; auch wenn das Ergebnis für die Maturarbeit „Scheisse“ war und sie später in Logic ihr Programm fand. Das Auflegen begann im stillen Kämmerchen; bei einem Kollegen im Keller. Später zufällig in einem Club. Zu dieser Zeit mit Black Music und Hiphop. Durch Rez, einen Bekannten bei ihrem damaligen Teilzeitarbeitgeber Olmo, kam langsam das Interesse für die elektronische Musik auf. „Der Wechsel vom Hiphop zur elektronischen Musik kam schleichend, genau wie das Auflegen damals schleichend kam. Zuerst vermischte ich die Stile. Dann gab es eine kurze Phase in der ich beide Stile getrennt aufgelegt habe.“ Schliesslich dauerte es aber nicht lange, bis nach dem ersten HipHop-DJ-Booking 2010 das erste elektronische folgte. Das war 2011. Seit 2012 pflegt Juli ihr Dasein als Produzentin und DJ für House- und Technomusik.

Juli Lees Weg verläuft seit einigen Jahren steil. Mit 2013 kam der erste Release. Sie hatte zu dieser Zeit aber schon rund 25 Tracks fertiggestellt, die ihr aber nicht mehr entsprachen. Noch vor dem Debüt 2013 auf Well Done! Music ergatterte sie sich regelmässig Gigs in New York. Ursprünglich fürs Trainieren in einer Tanzgruppe angereist, landete sie bei Bekannten, die sich im Nightlife der Metropole auskannten. So kam es zu einem ersten Booking – zwecks Wiedersehen der Kolleginnen. Danach folgten während einer längeren Phase häufig neue Bookings auf der anderen Seite des grossen Teichs. „In New York zu spielen hatte besonderen Reiz, nicht nur weil es eine Metropole ist, sondern weil die Leute dort im Bereich House- und Techno mindestens sechs Monate Rückstand auf die Schweiz hatten. Du wusstest was in der Schweiz gut läuft und konntest in New York fast in jedem Club einen Wow-Effekt erzeugen und die Leute begeistern“, erinnert sich die gebürtige Deutsche zurück.

Juli Lee

Juli Lee entschied sich vor drei Jahren gegen die Ausbildung an der Tontechniker Schule in Zürich. Es sei „zu wenig spezifisch und auch nicht gerade billig“. Doch hatte sie das Glück von einem der Grössten lernen zu dürfen: Ben Mühlethaler, international renommierter Produzent und grammy-nomminiert. So durfte Juli vieles von ihm lernen. „Sehr wertvoll für mich ist, dass alles spezifisch auf meine Bedürfnisse zugeschnitten ist und ich so in der Zeit viel weitergekommen bin, als in einer regulären Schule.“ In Ben, der selbst Autodidakt ist, fand sie ihren Mentor. Wer jetzt das Gefühl hat, das hinter ihrer Musik das Geschick von Ben Mühlethaler steht, irrt sich gewaltig. „Ich war kreativ immer selbständig und mache meine Sachen selbst. Ben hat mir aber natürlich enorm viel beigebracht, das begann zuerst mit einem gemeinsamen Projekt, wo wir feststellten, dass wir harmonisch zusammenarbeiten.“

Juli ist auch privat eine umtriebige Person. Ihre Tanzschule organisiert beispielsweise den Summer Bash in der Berner Matte, der in den letzten drei Jahren zu einem riesigen Stadtquartier-Fest herangewachsen ist. 2017 setzt dieser erstmals aus – der Event wird neukonzipiert und meldet sich 2018 zurück. Beruflich hat es Juli geschafft, ihre Talente und Interessen unter einen Hut zu bringen. Da sie schon immer choreografierte und mit Musik zu tun hatte, erhielt sie Konzeptionsaufträge. Heute arbeitet sie selbständig für diverse Auftraggeber und konzipiert Shows. Musik, Licht, Tanz und koordiniert die verschiedenen Beteiligten.

Musik ist für die begabte Produzentin ein sehr grosser Teil in ihrem Leben und soll es auch bleiben. Finanziell ist ihr aber die Unabhängigkeit wichtig, sie will nicht davon leben müssen. „Das würde für mich den Reiz nehmen, den es heute hat.“ Ihr ist auch das Menschliche und Kreative wichtig. „Man kennt heute Melodien und Abfolgen, die einfach bei 80% der Menschen auf ‚Wohlgefallen‘ stossen. Besonders in der elektronischen Musik, die sowieso ‚maschinell‘ ist, muss da die Komponente Mensch spürbar sein. Ich habe zum Beispiel Mühe mit dem Begriff Kommerz-Musik. Musik die mit kommerziellem Interesse, billig produziert wurde, finde ich schrecklich. Wenn aber jemand etwas mit Liebe produziert und es viele Menschen mögen, hat das durchaus seine Legitimität. Ich habe auch schon poppigere Sachen produziert, aber einfach, weil es mir gefallen hat.“

Juli Lee

Juli Lee veröffentlichte ihre Musik bisher auf folgenden Imprints: Inyan Music, Well done, King Street, Skylyne, Voltaire, Jetpack, Variety, 136° Rec, Tenor und Nite Grooves. „Es gab eine Zeit, da habe ich meine Tracks gesammelt an Labels geschickt und hatte darauf keinen Einfluss mehr, was ich wo release. Oft kam es auch zu Verzögerungen und ich konnte den Track gar nicht mehr hören, wenn er veröffentlicht wurde. Trotzdem schäme ich mich für nichts, was ich gemacht habe – das gehört alles zu mir und klang vielleicht auch mal etwas ‚cheesy‘, wenn ich Liebeskummer hatte. Bei meiner Musik gehe ich heute selektiver vor, release nur noch was ich will und überlege, welche Tracks ich wohin sende. Aktuell schätze ich besonders den Kontakt zu Inyan Music, wo ich spüre, dass jemand hinter mir und meiner Musik steht. Die Grösse des Labels ist da sekundär.“

Juli Lee hofft bald wieder Zeit für einen Release auf einem ihrer bisherigen Labels zu finden. „Aktuell bin ich mit Remixen ausgelastet, eine Arbeit, die ich sehr gerne mache. Du nimmst etwas bestehendes und drückst ihm deinen Stempel auf“, ergänzt sie lachend. Wir rauchen die Zigarette fertig, trinken das Bier aus und verlassen das Kapitel während Musik von Lucas Monème im Radio Bollwerk.


Im September Zürich brachte Spotlight auf  Tele Züri einen Beitrag über die Bernerin. Im Netz findet man sie auf den relevanten Social Media Kanälen: FacebookSoundcloud, RA, Beatport.



Nebst dem rund zweistündigen UBWG-Mix, den sie exklusiv für unsere Leserschaft zusammenstellte, gibt sie uns noch etwas Musik mit. Ein Original von ihrem letzten Release auf Inyan sowie einen etwas älteren Remix für Niklas Tal auf 136° Recordings.





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