Mit der letzten Ausgabe des UBWG-Podcasts gaben wir unserer Leserschaft ein Versprechen: die schweizweit bekannte Reihe soll künftig wieder mit der alten Zuverlässigkeit erscheinen und den Freund*innen elektronischer Musik aus der Heimat mindestens einmal monatlich neue Leckerbissen servieren. Es wäre auch schade, einen solchen Fundus an hochwertiger Musik aus der Schweiz nicht entsprechend kuratiert weiterzuführen und auszubauen. Nachdem wir die umtriebige Berner DJ/Produzentin Juli Lee Anfang Monat für ein Porträt trafen und ihren UBWG-Mix veröffentlichten, wagten wir für die aktuelle Ausgabe wieder einmal den Schritt über den Röstigraben. Ein lohnenswertes Unterfangen, wie unser Gast Nicolas Duvoisin rasch unter Beweis stellte.


Nicolas Duvoisin ist einer der alten Hasen im Schweizer Produzenten- und DJ-Zirkus. Der heute 35-jährige Romand bespielte in seinen über 15 aktiven DJ-Jahren so manche Schweizer Location – die meisten davon mehrmals. So war er regelmässig Gast an international renommierten Festivals wie dem Montreux Jazz Festival oder dem Paléo Festival in Nyon und hat seit acht Jahren eine Residency im bekanntesten Westschweizer Untergrund-Lokal La Ruche, das seit kurzem als Folklor an neuer Adresse erfolgreich weiterlebt. Als wäre seine Vita damit nicht beeindruckend genug, führte Duvoisin während vier Jahren erfolgreich einen Plattenladen in Genf und gründete 2009 einen der heute bedeutendsten Schweizer Imprints im Bereich der elektronischen Musik – mit Veröffentlichungen von Künstlern wie Mihai Popoviciu, Mark Henning, Lauhaus, Julian Chaptal, Mendo und weiteren. Ein Portrait.


Nicolas Duvoisin


Wie viele Menschen in der Schweiz, machte Nicolas Duvoisin seine ersten musikalischen Erfahrungen im Rahmen des obligaten Blockflöten-Unterricht in der Schule. Diese Erfahrung scheint ihn aber nicht fürs Leben geprägt zu haben. Denn nach den ersten Blockflöten-Exkursen, fanden zuerst einmal keine weiteren musikalischen Betätigungen statt. Auch zum DJing kam Nicolas schliesslich auf unkonventionellem Wege. „Ich mischte mir immer eigene Kasetten und später MiniDiscs zum Musikhören im Auto oder auf meinem Scooter. DJing hat mir nie etwas gesagt.“ Die Wende brachte schliesslich ein guter Kumpel von Nico, der meinte: „Ich habe im Keller noch zwei alte Technics MKII. Ich möchte die gerne verkaufen, brauche aber einen ‚Showroom‘, wo die Leute die Plattenspieler ansehen und testen können – kann ich das Setup bei dir aufstellen?“ Nico willigte ein und begann selbst an den Dingern rumzuspielen. Am Ende war er selbst Käufer der altbewährten Phonogeräten. Damals war er 17 Jahre alt.

Duvoisins musikalischer Werdegang verlief weiter unkonventionell; so mixte er zuerst Raga-Hiphop und fand den Weg über Progressives zu seinem heutigen Stil, den er vereinfacht als „House & Techno“ bezeichnet. „Es ist heute schwierig, seine Musik zu beschreiben. Die verschiedenen Subgenres sind nicht leicht abzugrenzen und werden subjektiv wahrgenommen.  Dazu kommt, dass es teilweise regionale/geografische Unterschiede gibt, wie (elektronische) Musik bezeichnet wird. Ich mische House & Techno, mit viel Minimal-Einflüssen und ab und zu auch tech-housigen Zügen“, erklärt er.

Etwa zeitgleich mit der neu entdeckten Faszination für Techno & House reiste Nicolas Duvoisin später für einen Sprachaufenthalt nach London. Obwohl er sich dort der englischen Sprache bemächtigen konnte, war seine Hauptaktivität das Sammeln von Vinyl. Die Scheiben fand er im legendären Londoner Plastic Fantastic Store. Mit neu erlernten Englisch-Kenntnissen, einer rasant gewachsenen Plattensammlung und nicht zuletzt einer Franchise für einen „Plastic Fantastic“-Laden in der Schweiz, kam er zurück. Mittlerweile war Nico 22 Jahre alt.


Nicolas Duvoisin


Als 22-jähriger durfte Nicolas Duvoisin sich also bereits Plattenladenbesitzer nennen und vertiefte sich fortlaufend in die Materie der elektronischen Musik. Bald begann er in der Folge seiner Musikleidenschaft mit den ersten Schritten als Produzent. Kurze Zeit darauf brachte er zu Stande, was für viele Produzenten für immer ein Traum bleiben wird: er veröffentlichte seine erste Produktion direkt auf schwarzem Gold und verkaufte die Scheibe im eigenen Laden – über 100 mal (Grey Keyboard auf E-Minor)! Ich frage Nico, was ihm durch den Kopf geht, wenn er seinen Erstling von 2007 hört: „Es stimmt mich nostalgisch und erinnert mich an die Anfänge. Von der Qualität her ist es natürlich kein Vergleich; das hat aber nicht nur mit wachsenden Kentnissen und Fähigkeiten zu tun, sondern auch damit, dass Produzieren mit den neuen Technologien stets vereinfacht wurde und die Produktionen so sauberer klingen. Es macht mir allgemein Freude alte Musik – auch von mir selbst – zu hören. Das versetzt dich in die damalige Zeit.“ Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2007, Duvoisin ist 25-jährig.

Im Jahr 2009 wurde DJing durch technische Fortschritte vereinfacht und einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Traktor und Serato lassen grüssen; der MP3-Boom war unaufhaltbar. In der Folge mussten die meisten Plattenläden dicht machen; nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit. So auch Plastic Fantastic in Genf. Um weiterhin im Musikbusiness tätig bleiben zu können und seine Leidenschaft auszuleben, entschloss Duvoisin sich kurzerhand ein eigenes Label ins Leben zu rufen. Mit grossen Unterstützung seines Umfelds und der Künstler, mit denen er bereits viel zusammengearbeitet hatte, gelang ihm dies. Ende 2009 wurde Fantastic Friends gegründet. Nicolas war 27-jährig.

Fantastic Friends machte im Besonderen bei der Gründung durch kreative, innovative Ideen auf sich aufmerksam. Ursprünglich wurde für jeden veröffentlichenden Künstler auf dem Label ein eigenes Cartoon gezeichnet. Die ersten sechs Plattencover waren entsprechend gestaltet und ergaben in der Gesamtheit ein schönes Bild (s. unten).


Nicolas Duvoisin Fantastic Friends


Bald war klar, dass sich dies bei einer stetig wachsenden Anzahl an veröffentlichenden Künstlern nicht so weitergeführt werden kann. So verweist heute noch das Logo des Imprints auf die ursprüngliche Idee mit den Cartoons. Nach organischem Wachstum von Fantastic Friends in der Szene, schenkten grössere internationale Künstler dem Label ihre Aufmerksamkeit. Schliesslich folgten Releases von namhaften Produzenten wie Mihai Popoviciu, Mark Henning, Mendo, Matt Star und Agaric, die dem Label europaweite Bekanntheit verschafften.

Doch genug der Geschichte; kommen wir auf die Gegenwart und Zukunft von Nicolas Duvoisin und seinen fantastischen Freunden zu sprechen. Der 35-Jährige sagt heute, dass er seinen Musikstil gefunden hat. „Mein Musikstil entwickelte sich über die letzten fast 20 Jahre. Ich werde meinem Mix aus Techno & House mit Einflüssen von Minimal wohl ewig treu bleiben. Einschränken lasse ich mich aber nicht.“ Wer den Werdegang von Nicolas Duvoisin in den letzten Jahren beobachtete, weiss, dass der gebürtige Genfer heute regelmässig – oft mehrmals pro Monat – nach Berlin gebucht wird. Dort spielt er nicht nur in kleinen, unbedeutenden Läden, sondern zeigte sein Können wiederholt in renommierten Läden wie dem Kater Blau oder Sysiphos. Zu den regelmässigen Deutschland- und Frankreichabstechern gesellt sich diesen Sommer erstmal eine Übersee-Minitour dazu. Duvoisin wurde ins Output New York gebucht und wird im Anschluss noch in Miami, Texas und Puerto Rico Gigs spielen. Dazu sitzt der Westschweizer an seinem ersten Studioalbum, das er gemäss eigener Planung noch dieses Jahr auf Fantastic Friends veröffentlichen wird.

Auch bei Fantastic Friends steht Neues an: Nebst dem Erstling drei neuer Fantastic Friends sind Releases von Julien Chaptal, Lauhaus und weiteren grossen Künstler in der Pipeline.



Nebst dem rund einstündigen UBWG-Mix, den uns Nico exklusiv für uns zusammenstellte, gibt er uns noch etwas eigene Musik mit. Ein aktueller Remix, kürzlich auf Fantastic Friends erschienen sowie den letzten Remix für die Bar25 Music Compilation. Von mehreren Releases in der Pipeline gibt es im Besonderen den baldigen Vinyl-Release auf dem Londoner Imprint Eukatek zu erwähnen.




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