Für die hundertzehnte Ausgabe des UBWG-Podcast konnten wir einen viel gelesenen Namen aus der Schweizer DJ-Zunft verpflichten. Princess P., geboren als Muriel De Bros, mixte uns mit viel Geschick und Leidenschaft die aktuelle Ausgabe unserer Serie. Wir trafen Muriel an einem Dienstagnachmittag im Kapitel Bollwerk zum Gespräch. Ein Portrait.

Als ich mit kleiner Verspätung vor dem Kapitel auftauche, sitzt Muriel bereits auf dem Bänkchen vor dem Club. Die Besitzer seien erst gerade gegangen und haben die Türen gleich offengelassen. Man kennt sich eben in Bern – und man vertraut sich. Wir setzen uns an die Bar, bedienen uns selbst und beginnen rauchend ein Gespräch über Gott und die Welt. Es geht um Kaffee. Wir haben beide den Produkten des bösen Marktführers abgeschworen und uns auf einen klassischen Bialetti-Espressokocher gefreut. Doch bevor wir das Traditionsstück aus Aluminium unser Eigen nennen konnten, kamen unsere Mütter ins Spiel: Das Aluminium sei nicht beständig, blättere ab und vergifte Körper und Umwelt. Folge: Wir sind nun im Besitz eines neuen Bialetti-Espressokochers – aus Edelstahl, mit neuem Aussehen. Ein scheussliches Ding, wie wir Beide finden. Egal; Gesundheit und Umwelt vor Design! Und wir widmen uns nun dem musikalischen Leben der umtriebigen Bernerin.



Muriel De Bros erlernte schon früh das Handwerk des DJs, gemeinsam mit einer Kollegin startete sie bereits in jungen Jahren das Projekt „The Tribal Kidz“. Die nötigen Skills erlernte sie von ihrem älteren Bruder, der selbst bereits als House-DJ unterwegs war. Muriel stand mit 14 Jahren das erste Mal an den Plattentellern, hatte bald eine eigene Sendung bei Radio RaBe und zeitweise gar einen kleinen Club namens „Funkbunker“ in einem Keller des alten Wankdorf-Stadions. Sie ist gelernte Köchin und arbeitete nach ihrer Ausbildung auf dem Beruf, bevor sie den Entschluss fasste, Kochlöffel, Schürze und Messer gerne auf ewig gegen Plattenteller, Mischpult und Ladentheke zu tauschen. Mit der Anmeldung zur RBMA 2008 legte sie beruflich wie musikalisch den Grundstein für ihren Plan. Als eine von weltweit 60 Personen wurde sie aus über 3’000 Bewerbungen ausgewählt und durfte an Workshops und Studiosessions teilnehmen – und selbst in Barcelona die Platten vor Publikum drehen lassen. Von da an war für Princess P. eines klar: sie will von und mit der Musik leben. Das Eine führte zum Anderen. So war Muriel bald darauf Mitarbeiterin beim unabhängigen Musikvertrieb Godbrain. Auf einem Kundenbesuch im Rahmen ihrer damaligen Tätigkeit entdeckte Muriel das Plattfon und war sofort begeistert vom schmucken Basler Plattenladen. Ihr Wunsch, dort hinter der Theke die musikafinen Gäste bedienen zu dürfen, fasste sie sofort. Die Anstellung folgte nicht viel später. Nach mittlerweile acht Jahren ist sie einzige Plattfon-Angestellte an der Seite des Inhabers und konnte so ein Teil ihres Hobbys zum Beruf machen. „Vinyl war schon immer eine Materie, die mich faszinierte. Ich begann auch schon früh, Platten zu sammeln.“ Ihre eigene Vinyl-Sammlung kann die Bernerin aber nicht genau beziffern. Und obwohl sie eine geordnete Person ist, ist ihr Mitbewohner „e arme Siech“ im unübersichtlichen Platten-Chaos der Bernerin. „Meine Plattensammlung ist nur nach Aktualität geordnet, nicht aber nach Genre. Obwohl ich Regale hätte, stehen die Scheiben einfach aneinandergereiht in der ganzen Wohnung – bis in den Flur. Es ist ein geordnetes Chaos, in dem nur ich mich zurecht finde. Doch das Ablegen in den Regalen und klassifizieren nach Genre ist längst überfällig.“ (lacht)


Princess P.


Spätestens seit ihrem Auftritt 2008 im Rahmen der Red Bull Music Academy in Barcelona gehört Princess P. zu den gefragtesten DJs der Schweiz. So darf sie in den vergangenen Jahren nebst regelmässigen Bookings in namhaften Lokalen wie dem Dachstock, Kapitel Bollwerk oder dem Frauenraum auch auf Bookings an Festivals wie dem Gurten oder Electron zurückblicken. Die nahe Zukunft hält Spannendes für die Musikerin bereit; so darf sie dieses Jahr erstmalig am Montreux Jazz Festival ihre Selektion präsentieren und freut sich auf Bookings in der Zukunft, dem Folklor oder dem Elysia. Auf ein bisheriges Highlight in ihrer DJ-Karriere angesprochen gibt Princess P ihren Auftritt am letztjährigen „Hänsel & Gretel“ an. „Das war das erste Mal, dass ich an einem Outdoor-Event vor vielen Leuten spielen durfte. Das war einfach magisch und mein bisher intensivstes und schönstes DJ-Erlebnis.“

Die Musikbegeisterung der Bernerin ist hausgemacht. So waren ihre Eltern im Theater tätig und hörten mit Vorliebe Klassik und Jazz. So kam es auch, dass Muriel eine solide Klavierausbildung genoss und das Konservatorium besuchte. Obgleich Muriel Zuhause „einen Synthesizer, eine Drum-Machine und ein Mischpult“ stehen hat und Lust verspürt sich an eigene Werke zu machen, fehlte bisher immer die Zeit dazu. Was noch nicht ist, kann aber noch werden. „Ich kann mir gut vorstellen, auch erst nach meiner Pensionierung wirklich mit dem Produzieren anzufangen. Vielleicht spiele ich dann auch einfach wieder mehr Klavier.“

Obwohl Princess P. mit ihren gut 20 Jahren im Geschäft schon auf diverse grosse Erfolge zurückblicken darf, ruht sie sich keineswegs auf ihren Lorbeeren aus und weiss, auf was es draufankommt. „Das DJing ist eine sehr zeitintensive Tätigkeit. Nebst der Auswahl der Tracks muss man auch selbst immer am Ball bleiben. Kontakte knüpfen, pflegen, „socialisen“. Ich bin deswegen oft am PC und schlafe wenig, obwohl ich besser draussen auf einer Wiese ein Buch lesen würde.“

Ihren Traumjob hat sie im Plattfon definitiv gefunden. Nebst dem Einkauf und Verkauf im Laden, kümmert sich De Bros im Background um administrative Arbeiten wie beispielsweise die Buchhaltung. In Kombination mit ihrer DJ-Laufbahn der ideale Job für die 39-Jährige. Trotzdem ist nicht immer alles nur gold, was glänzt: „Der Job im Plattfon und meine Tätigkeit als DJ bezeichne ich ganz klar als „Traumberuf“. Ich würde auch für kein Geld in der Welt damit aufhören und könnte es nicht ertragen, falls der Laden einmal schliessen müsste. Trotzdem ist das DJing und die Arbeit im Laden sehr aufwändig und wirtschaftlich nicht sehr ergiebig sowie unsicher.“


Princess P.


Die Frau mit der gnadenlosen Selektion hört tagtäglich neue Musik. Meist tut sie dies bewusst und fokussiert: „Am liebsten höre ich mir Musik beim Reisen an; also beim Pendeln, im Zug, mit Kopfhörern.“ Auch Zuhause lässt sie sich nicht von der eigentlichen Sache ablenken: „Ich rauche höchstens eine Zigarette oder trinke nebenbei einen Kaffee.“ Die Inspiration für neue Musik nimmt Muriel aus ihrem Umfeld – das war schon immer so. Während sie für die ihre neue Selektion als DJ gerne auf Sets, „verwandte Künstler“, Radioshows und Tipps aus dem Umfeld zurückgreift, konsultiert sie bei der Auswahl neuer Musik fürs Plattfon auch mal Medien, Rezensionen oder sogar die Groove Top 10. „Du musst informiert sein, wenn du mitreden und Maxis verkaufen willst.“

Musikalisch deckt Princess P. in ihren Sets ein breites Spektrum ab. Die Basis aus House und Disco vermischt die Plattenkünstlerin virtuos zu mitreissenden Klangreisen mit Einflüssen von Techno, Jazz oder Hiphop. Mutmasslich dank abwechslungsreichen Sets, ohne Genregrenzen und fernab von kommerziellen Zwängen, ist Princess P. die einzige DJane auf dem gut sortierten Roster der Berner Booking-Agentur getloud von Kathy Flück.

Dass sie einen breiten Musikgeschmack hat und diesen auch regelmässig mit musikalischem Aktualitätsgeschehen  füttert, manifestiert sich beispielsweise an ihrer Teilnahme an der diesjährigen Bad Bonn Kilbi – obwohl sie für dieses Datum DJ-Bookings in der Roten Fabrik sowie im Hive sausen lassen musste, kam es für sie nicht in Frage, ihr ergattertes Ticket fürs Indie-Festival wegzugeben. Ihre tiefe Musikkenntnis wird auch ausserhalb der elektronischen Szene geschätzt, so hatte De Bros 2016 Einsitz in der Jury vom M4Music Award. Ihr allgemeiner Musikstil sei „random, je nach Lust und Laune“, sagt die leidenschaftliche Vinylsammlerin.

Auf ihre Zukunft angesprochen kann Muriel schnell Antwort geben: „Es soll alles so gut weiterlaufen wie bis anhin. Auflegen und Plattenladen. Andere Pläne habe ich nicht.“ Diesem Wunsch schliessen wir uns an und bedanken uns herzlich für das Gespräch und den Podcast.


Playlist: UBWG-Podcast 110 | Princess P.

„In meinen Mixes spiele ich Musik, die mir gefällt und auf dem Dancefloor selten bis nie gespielt werden kann. Die Playlist schicke ich gleich mit – ich finde das gehört dazu; es ist ja nicht deine Musik, die du spielst“.

  1. Suso Saiz – Un Hombre Oscuro – Music From Memory
  2. Die Wilde Jagd – Geisterfahrer – Correspondant
  3. Gray Chalk – Surpassing Common Perception – Bon Vivants
  4. Palmbomen II – Pure Tibet – Beats In Space
  5. John Talabot – Sunshine – Hivern Discs
  6. FYI Chris – Repeater – Rhythm Section International
  7. Rings Around Saturn – Aeolian – Analogue Attic
  8. Elmo Crumb – I Man A Canary Bird – Trilogy Tapes
  9. Dj Seinfeld – Vaping Lyf – Natural Sciences
  10. Rising Sun – We Are – Fauxpas
  11. Moon Temple – Lake Of Forgetfulnes – W.T. Records
  12. K–Lone – Woniso – Wisdom Teeth
  13. Biosphere – Le Grand Dôme – Biophon



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