Anfangs Dezember fand das Polaris Festival 2016 in Verbier statt. Wir schickten zwei unserer Radekteure ins malerische Wallis, um die besten Eindrücke des viertägigen Winterfestivals einzufangen.


Diesen Dezember durfte ich mich nach dem fantastischen Stelldichein im letzten Jahr (UBWG berichtete) erneut in die Walliser Berge begeben, um in Verbier dem Polaris Festival und der Electronic Music Ride zu frönen. Angereist bin ich am Donnerstag, um den ersten Stop für geladene Gäste und unter Ausschluss der Öffentlichkeit miterleben zu dürfen. Während im letzten Jahr Luciano auf dem Mont-Fort (3300m ü M.) die Platten im Rahmen eines Boiler Rooms drehen liess (UBWG berichtete), freute ich mich dieses Jahr über ein Modular-Liveset von Carl Craig, gefolgt von zwei Stunden CIKAYA (Luciano, Mirko Loko & César Merveille), welche dem Publikum unter strahlendem Sonnenhimmel im Ice-Cube auf 2’200 Meter über Meer kredenzt wurden. Die beiden Sets wurden von Be-At.TV live übertragen. Die von RedBull gepowerte Electronic Music Ride zog danach weiter Richtung Le Rouge und endete später im Etoile Rouge, wo bis in die frühen Morgenstunden getanzt wurde. Wie im letzten Jahr ein gelungenes „Pre-Opening“, ohne das dem Festival sicherlich etwas fehlen würde.

Das Polaris Festival behält, obgleich es auch an der zweiten Ausgabe bereits vor Festivalbeginn restlos ausverkauft war, seinen „kleinen“, familiären Charakter. Besonders wenn man bereits ab Donnerstag in Verbier weilt und der Electronic Music Ride nachreist, trifft man Seinesgleichen, unzählige bekannte Gesichter sowie viele der „neuen Freunde“ aus dem Vorjahr. So ist man schon von Anfang an unter Gleichgesinnten und findet auch einzeln oder als Paar rasch Anschluss, falls man die Festivaltage nicht alleine verbringen möchte. Zudem hat sich mein Eindruck bestätigt, den ich bereits nach der ersten Ausgabe hatte: Das Polaris Festival lebt von seinem Konzept, das dieses Jahr insgesamt sieben verschiedene Austragungsorte beinhaltete, an denen verteilt über die drei resp. vier Festivaltage mehrere Events, teilweise nacheinander oder parallel, stattfanden. Das Besondere dabei ist, dass in den verschiedenen kleinen „Side-Locations“ nicht etwa ein zweitklassiges Line-Up gefahren wird, sondern man die Möglichkeit hat Grössen wie Deetron, Ripperton, Barac, Carl Craig, Chris Liebing und Weitere in kleinen Clubs sehen und hören zu können. Auch wenn Verbier definitiv ein Schickimicki-geprägter Ort ist und das Polaris Festival auch einige Leute anzieht, die sonst eher im Mad Lausanne feiern, muss man festhalten: es wird sehr viel und exzessiv getanzt, die Atmossphäre ist stets friedlich und das Personal in den Clubs – das sich in der Regel Millionärskunden gewohnt ist – ist aufmerksam und freundlich. Das Preis/Leistungsverhältnis bei den Tickets erachte ich zudem als korrekt, eventuell sogar ein wenig unterdurchschnittlich für das, was geboten wird. An der Bar orientieren sich die Preise im „Le Mouton Noir“ (Hauptbühne) etwa dem Festival-Durchschnitt, während in den verschiedenen Bars für die Getränke etwas tiefer als üblich in die Tasche gegriffen werden muss (Bier teilw. CHF 10.-) – Verbier halt! Hinsichtlich Organisation kann ich dem OK auch in diesem Jahr Bestnoten ausstellen: von der Ankunft in Verbier über den Ticketumtausch bis hin zum Zutritt in die verschiedenen Clubs und Locations hat (wieder) alles einwandfrei und ohne Probleme geklappt. Zuletzt: Das Polaris Festival scheint unter einem guten Stern zu stehen – zum zweiten Mal in Folge präsentierte sich die einzigartige Bergkulisse in Verbier (die Hauptbühne liegt auf 2200 Meter über Meer) von ihrer schönsten Seite. Es herrschte strahlend blauer Himmel mit – soweit auf 2200m möglich – angenehmen Temperaturen.

Wer das hochwertige Line-Up des Festivals nicht mehr im Kopf haben, findet unten nochmals die Übersicht über die drei resp. vier Tage Polaris Festival 2016 feat. Richie Hawtin, Luciano, Carl Craig, CIKAYA, Chris Liebing, Barac und vielen mehr.


Polaris Festival Timetable


Electronic Music Ride Day 0 – Donnerstag

Stop I: ICE-Cube Verbier (2200m ü M.) | 12.00 – 15.00

Carl Craig’s einstündiges Modular-Liveset habe ich mit grosser Vorfreude erwartet. Leider ging das Set, obwohl ich fast pünktlich zu Beginn „oben“ war, in der „Ankunftsstimmung“ etwas unter. Die meisten Leute kamen erst gegen Ende seines Sets auf die Plattform des Ice Cubes und auch die Lautstärke der Boxen wurde erst gegen Ende so eingestellt, dass man Lust zum Tanzen bekam. Carl Craig schien das wenig zu interessieren, er spielte das ganze Set mit angezogener Kapuze und freute sich innerlich wohl schon auf sein zweites Set am Abend. CIKAYA übernahmen pünktlich um 13.00 Uhr und hatten die Menge sofort im Griff. Das lag sicherlich auch daran, dass gegen Ende von Craig’s Set das allgemeine Tanzen begann, langsam alle Leute da waren und schliesslich die Anlage aufgedreht wurde. Zwei Stunden Tanzen im familiärer Atmosphäre, unter freiem Himmel, in bester Bergluft und mit einem unglaublichen Panorama-Blick. Ein toller Einstand!

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Stop II: Le Rouge (Après-Ski) | 15.30 – 21.30

Den zweiten Stop im gemütlichen Après-Ski-Hüttchen „Le Rouge“ liess ich dieses Jahr aus, um – wie bereits im Vorjahr – im Restaurant La Pergola zu speisen und mich ein wenig von der langen Zugfahrt und dem frühen Aufstehen zu erholen. Das Pergola ist ein Geheimtipp; zentral & für Verbier-Verhältnisse sehr preiswert – auch wenn die Website nicht sehr ansprechend gestaltet ist.


Stop III: Etoile Rouge | 22.00 – 04.00

Der dritte und letzte Stop der Electronic Music Ride führte uns ins „Le Rouge„. Ein Lounge-Club ganz im Verbier-Stil. Am Eingang beleuchtete Glasvitrinen mit 200g Packungen Edel-Kaviar und Dom Perignon-Flaschen von Methusalem (6l) bis Nebukadnezar (15l). Es dauerte ein wenig, bis Stimmung aufkam. La Bohème’s Intro bretterte zuerst ziemlich technoid und schnell los – weil Carl Craig übernimmt, dachte ich mir – doch endete ihr Set dann mit einem Vocal-Deephousetune – für mich in dem Moment nicht ganz nachvollziehbar. Anyway! Carl Craig übernahm und machte es besser. Die Menge freute sich und es wurde viel getanzt und getrunken. César Merveille und Dejan führten die Crowd dann sicher nach Hause.

Etoile Rouge / Polaris Festival


Polaris Festival Day 1 – Freitag

Le Mouton Noir (2200m ü M.) | 14.00 – 22.00

Für meine Verhältnisse ziemlich ausgeschlafen, begab ich mich am frühen Freitagnachmittag auf den Berg. Gianni Callipari hatte die Ehre, das Festival zu eröffnen. Ich habe ihn länger nicht mehr gehört und war sehr angetan von seinem groovigen Intro, das leider noch nicht allzu viele Gäste miterlebten. Danach übernahm Andrea Oliva und ich empfand sein Set als überraschend gut – die restlichen Gäste der Stimmung nach ebenfalls.

Le Mouton Noir / Polaris Festival / Gianni Callipari

Nicht nachvollziehbar und enttäuschend war der Auftritt von Lil’louis. Keine fünf Minuten vor Setbeginn kommt er auf die Bühne und brettert dann bald darauf los. Ohne Gefühl. Zumindest ohne Gefühl für das Publikum, das bisher ausgelassen tanzte und sich urplötzlich in eine stillstehende Masse verwandelte. Wie man dann auch sah, musste der Kühlschrank von RedBull, einem Hauptsponsoren des Festivals, der auch die Electronic Music Ride veranstaltet, abgedeckt werden. Ich kann nachvollziehen, wenn man heutzutage keine „Multis“ unterstützen will. Doch bei einer solchen Performance und einem Brand, der dieses Festival, im Besonderen die Electronic Music Ride, ermöglicht, kann man das Füfi auch mal gerade stehen lassen (imho).

Lillouis / Polaris Festival

Zum Glück konnte Luciano das Ruder nochmals rumreissen und fand mit seiner Musik rasch Anklang. Es wurde wieder getanzt.  Bis ans Ende des ersten Festivaltages auf der Hauptbühne wurde zur Auswahl des Genfers gefeiert. Ich verliess den Berg glücklich und legte an der Talstation angekommen, einen kurzen Zwischenstopp auf der Médran Stage von 20 Minuten ein. Leider erlebte ich nur noch einen tollen Einstieg in Roland Grauer’s Set und „musste“ mich dann mit meiner Begleitung Richtung Farinet South bewegen. Nicht besucht haben wir am Freitag die Stage im „La Casbah„, wo Romano Rapeso, Emilie Nana und Masaya ihre Sets kredenzt sowie das „Etoile Rouge“, das uns am Vorabend locationmässig nicht ganz überzeugen konnte. Beim Line-Up, das aufgerufen wurde, eigentlich eine Schande: Deetron und Ripperton musizierten back2back.

Médran Stage / Polaris Festival

Farinet South | 23.00 – 04.00

Im Farinet South angekommen wurden wir von einem Security-Nightmanager-Typen begrüsst, der auf französisch und sehr motiviert erklärte: „Die Jacken müsst ihr drinnen abgeben, heute gibt’s eine verdammt heisse Party“. Wir folgten seiner Anweisung und traten in den Club ein. Ein schöner, kleiner Club. Dirty-Flav war an den Decks beschäftigt und das klang definitiv besser als sein Name. Djerry C übernahm mit einer soliden Performance und D’Julz holte zum Abschluss noch einmal die letzte Energie aus den verbleibenden Gästen.

Farinet South / Polaris Festival

Am Samstagmorgen musste ich dann nach drei Stunden Schlaf in einem grossartigen Chalet von Freunden auch schon wieder auf die Talfahrt machen… Was bleibt sind erneut schöne Erinnerungen an Bergfreuden ohne Ski und Snowboard. MERCI Polaris und bis zum nächsten Mal!


Die Highlights von Samstag & Sonntag hat unser lieber Yannick (@Haze) für euch zusammengetragen

Samstagmorgen, 8 Uhr 30. Die letzte Nacht steckt noch tief in den Knochen. Zumindest auf der anderen Seite des Bettes. Ich hingegen bin putzmunter. Heute ist Abfahrt ‚gen Süden. Also eigentlich Süd-Westen. Es geht ans Polaris. Und da Tag Eins und Zwei schon nicht im Bereich des Möglichen lagen will ich wenigstens Tag drei und vier in vollsten Zügen auskosten. Um punkt 11 sind wir dann soweit: es geht los. Auto ist organisiert, Taschen gepackt, die Floorfreude steht dick ins Gesicht geschrieben. Nach einer zweieinhalbstündigen Fahrt quer durch Teile der Schweiz, die ich noch nie gesehen habe, erreichen wir das äusserst idyllische Bergdorf Verbier. Ausser ein paar Deutschschweizer Autokennzeichen deutet nichts darauf hin, dass hier ein Festival der elektronischen Extraklasse steigt. Wir parkieren, ich organisiere unser Welcome Package (herzlichen Dank an Flore an dieser Stelle, das hat alles wunderbar geklappt) und wir steigen in die Gondel gen’ Gipfel.


Polaris Festival Day 2 – Samstag

Le Mouton Noir (2200m ü M.) | 12.00 – 22.00

Als wir auf 2200 m.ü.M. ankommen, pumpt uns bereits der Bass entgegen. Leider einen unserer Zürilieblinge – Kalabrese – knapp verpasst. Aber: wir kommen genau rechtzeitig zu Moodyman’s Set. Der exzentrische Detroiter spielt sein ganzes Set mit Apple Earplugs. So etwas hat die Welt noch nicht gesehen. Nichts desto trotz ist der Vibe schon ziemlich schön und die Menschen grinsen übers ganze Gesicht.

Polaris Festival Mouton Noir

Nach Moody und seinen Tänzerinnen dann das erste Highlight des Wochenendes: Mirko Loko & Laolu. Ach Schweiz, wie ich dich liebe. Die zwei Jungs liefern ab – und das gehörig. Von knallendem Tech gelangen die zwei Ausnahmetalente der Marke Suisse Francophone über zerstreuten Deep langsam hin zum sphärisch-treibenden Techno, der in Kürze vom Grossmeister Dixon himself über die Woofer gejagt werden wird. Und dann der Überhammer: die Veranstalter haben tatsächlich organisiert, dass da wer mit einer Armeeladung Pizzen durch die Menge geht. Ich traue meinen Augen nicht. Die Stimmung könnte besser nicht sein.

Falsch gedacht, die Stimmung kann noch mehr. Dixon taucht hinter den Reglern auf und der gesamte Raum verliert einmal kurz kollektiv die Fassung. Mit der ersten, gewohnt langgezogenen Nummer reisst Dixon die Menge in die Ekstase und schüttelt sie links und rechts, oben, unten und im Kreis einmal zünftig durch. Der Mann spielt wie Gott und treibt auch dem hinterletzten Zweifler im Publikum die Flausen von wegen „Hype-DJ“ und „overrated“ mit einer dicken Portion Ramba Zamba aus dem Schädel. Was für ein Set. Eigentlich könnte man jetzt befriedigt nach Hause gehen. Eigentlich.

Polaris Festival Mouton Noir

Farinet South | 22.00 – 04.00

An der Afterparty im ziemlich schönen (das ist eine bewusste Untertreibung) Farinet kommen wir dann doch noch in den Genuss eines Zürcher Schmuckstücks. Alex Dallas, seines Zeichens Tonangeber in der Zukunft, bei Drumpoet und im Kauz, haut auf den Putz. Und das gleich satte drei Stunden lang. Wie erwartet liefert er ein tadelloses, spannendes und ausnehmend tanzbares Set ab. Unsere Hintern wackeln wie die einer Hundemeute vorm Essen.

Zugegeben, wir hatten schon 1-2 Drinks. Entsprechend unwichtig ist die Uhrzeit zu der Osunlade angefangen hat zu spielen. Angegeben war die Playtime mit 01:00 Uhr morgens. Und da der Ausnahmekünstler aus St. Louis nahtlos an die grandiose Leistung seines Vorgängers angeknüpft hat, haben wir da auch keine Einwände. Was aber feststeht: es macht Spass, und zwar so richtig. Die gesamte Mannschaft ist vor Ort, wir trinken, tanzen, rauchen. Das einzige, was das Herz und die müden Füsse irgendwann begehren, ist ein weiches Bett und so torkeln wir gegen 3 Uhr morgens erschöpft, aber glücklich in Richtung viel zu weit entferntes Chalet. Lights out, gute Nacht!


Polaris Festival Day 3 – Sonntag

Le Mouton Noir (2200m ü M.) | 11.00 – 16.00

Nach einer gesunden Mütze Schlaf, einem eher spartanischen Frühstück und dem ersten Doppelglas Weisswein in der Gondel zur Spitze stehen wir auf der sagenhaften Aussichtsplattform und geniessen die ungebremsten Sonnenstrahlen auf unseren Gesichtern. Heute gibt’s zum Abschluss der Main-Stage (und für uns wegen regulärem Arbeitsalltag auch Abschluss des Festivals) noch einmal einen regelrechten Böller zu hören: Richie Hawtin. Der Godfather of Techno, Technikfreak und M_nus-Labelchef macht das, was er am besten kann. Er lässt es krachen. Das sieht auch die tanzenden Allgemeinheit so und schmeisst bei so ziemlich jedem Titel die Hände oder gleich die entsprechende Begleitung in die Luft, pfeift, johlt und geniesst Momente der Ausgelassenheit, wie sie wohl nur in diesem Setting zu Stande kommen können. Strich 16:00 Uhr ist dann der Saft aus, die Boxen verstummen, und wir setzen uns etwas abgeschlagen und traurig ob der bevorstehenden Heimfahrt (und des dadurch verpassten Chris Liebing) in die Gondel.

Was bleibt sind die Erinnerungen an 36 Stunden voller Freude, guter Menschen und vorzüglicher Musik. Und die Gewissheit, dass Polaris 2017 unter keinen Umständen ohne unser Beisein über die Bühne gehen wird. We’ll be back. Merci pour tout.

Le Mouton Noir / Polaris Festival


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Solange wir noch auf den offiziellen Aftermovie des Alpenspektakels warten, empfehlen wir euch die beiden Sets von Carl Craig (Modular Live-Performance) und CIKAYA (Luciano, Mirko Loko & César Merveille)




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