Letzten Dezember verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer: der Supermarket bleibt! Quasi als verfrühtes Weihnachtsgeschenk durfte der älteste Club in Zürich-West die Verlängerung seines bestehenden Mietvertrags um drei weitere Jahre bekanntgeben. Dabei sah es bis Ende letzten Jahres alles andere als gut aus. Völlig konsterniert verkündete man schon, dass der Mietvertrag nicht verlängert werden könne und auch die Suche nach neuen gleichwertigen Locations erfolglos blieb.

Dass es nun doch geklappt hat und der Club an der Geroldstrasse 17 für die nächsten drei Jahre weiter bestehen kann, freut nicht nur jahrelange Weggefährten, sondern auch jüngere Clubgänger des fast schon geschichtsträchtigen Tanzlokals.

Grund genug, Sandro Bohnenblust, dem Geschäftsführer des «Supi», auf den Zahn zu fühlen und ihn mit Fragen zu seinem Club einzudecken. Herausgekommen ist ein interessantes Gespräch, in dem der leidenschaftliche Clubbetreiber über die plötzliche Kehrtwende des Vermieters, die Entstehung und die zukünftigen Pläne des Supermarkets Auskunft gibt.

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Vor rund einem Monat habt ihr euer «6‘000 Tage Supermarket» Jubiläum inklusive Afterhour gefeiert. Wie war es und um welche Zeit verliessen die letzten Tänzer den Dancefloor am Montagmorgen?

Bohnenblust: Also erstmals war es völlig unerwartet, dass wir die Party überhaupt durchführen konnten, eigentlich wäre ja ein Closing auf dieses Wochenende vom 31. Januar geplant gewesen. Dementsprechend waren die Emotionen bei allen Beteiligten extrem hoch und bei einem solchen Emotionsüberschuss, fällt einem einfach alles leicht von der Hand. Die Freude stand den Beteiligten ins Gesicht geschrieben und alle waren glücklich, dass es mit dem Supermarket weiterging. Die letzten Gäste machten sich um 06:30 Uhr am Montagmorgen auf den Nachhauseweg.

6'000 Tage Supermarket

Wie Du bereits angesprochen hast, kam der neue, auf drei Jahre befristete Mietvertrag völlig überraschend. Bis Ende letzten Jahres dachte man noch, dass die 6‘000 Tage Party wohl das letzte grosse Jubiläum im Supermarket sein würde. Wie gross war eigentlich der Stein, der Dir bzw. euch vom Herzen gefallen ist?

Bohnenblust: Die Freude ist enorm, Serotoninüberfluss (lacht). Nein, im ernst. Irgendwie stand man vor dem Ende und alles, wofür man 15 Jahre lang gelebt und gearbeitet hat, könnte, ohne Möglichkeit das Ganze in irgendwelcher Form weiterzuführen, vorbei sein. Die Gentrifizierung findet überall statt, Industriegebäude werden abgerissen, es entsteht Trendgastronomie, teure Büros und Wohnungen und die Leute werden Glauben gemacht, dass sie alles auf dem Altar des Götzes Konsum opfern müssen. Die Möglichkeiten für Subkultur, Handwerker oder kleine Unternehmen werden immer schwieriger.

Was waren die Gründe für diese plötzliche Kehrtwende des Vermieters? Schliesslich plante man genau an eurem Standort eine neue Ladenpassage als Weiterführung der Viaduktbögen.

Bohnenblust: Die genauen Beweggründe kenn ich nicht, Fakt ist, wir haben den Mietvertrag. In den vergangenen Jahren haben die Medien stets an unserem Vermieter gezerrt, da möchte ich mich nicht dazugesellen und alles mal bisschen ruhen lassen.

Supermarket Facebook
Konsterniert gab man bereits das Ende vom «Supi» bekannt.

Im Interview mit dem Tagesanzeiger vor zwei Jahren sagte der Grundstückbesitzer noch „(…)die Geroldstrasse hat über kurz oder lang als Ausgehmeile ausgedient.» Was denkst Du darüber?

Bohnenblust: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!
Wahrscheinlich sah er die Geroldstrasse als mögliches Bindeglied zwischen den Läden in den Viaduktbögen und dem Puls 5, damit eine Art neue Shoppingmeile entstehen könnte. So könnte sich das ehemalige Industrieviertel vom jetzigen Telekommunikations- und Ausgangsviertel irgendwann in ein Konsumviertel wandeln. Ich sehe das natürlich ganz anders, denn das Nachtleben hat einen sehr hohen Stellenwert in Zürich, ohne Nachtleben wär Zürich zwar ein schöner, aber ziemlich langweiliger Fleck. Viele meiner Freunde schätzen das breite Angebot in Zürich sehr, obwohl sie nur 1-2 mal im Jahr in den Ausgang gehen.

Kommen wir nun auf den Club zu sprechen. Kannst Du die Geschichte vom Supermarket rekapitulieren, wie ist das «Supi» vor 16 Jahren entstanden?

Bohnenblust: Bevor das Supermarket überhaupt seine Türen öffnete, gab es noch eine Vorgeschichte mit der Garage. Gegründet wurde diese durch Laurent Herzog. Nach 3-4 Jahren schloss der Club aber bereits wieder und Jean-Pierre Grätzer, ein Schulfreund von unserem Vermieter, wurde mit dem bestehenden Club konfrontiert, ob er diesen nicht übernehmen wolle. Gemeinsam mit Kemal Kadic (später Valmann & Valzer Bar) und Jürg Leimbacher (Programmverantwortlicher im Kaufleuten und Jail), gründete er dann den Supermarket. Die Idee war, eine Plattform für Zürcher Veranstalter zu schaffen, analog den Veranstalterkonzepten in NYC.

Wie hat sich euer musikalisches Konzept während dieser Zeit verändert?

Bohnenblust: Musikalisch gesehen pflegen wir immer noch das Etikett Deep House, daran hat sich wenig geändert. Mit gezielten Bookings internationaler Acts wie Louie Vega, Kerri Chandler, Loco Dice, Dennis Ferrer, hab ich dem Club seinen musikalischen Stempel aufgedrückt. Das, denke ich, prägt den Club auch heute noch und dient teilweise auch als Vorlage für unsere Resident DJs.

Supermarket Zürich

Wenn man eure Öffnungszeiten von heute mit früher vergleicht, fällt einem auf, dass ihr vermehrt auf den Freitag verzichtet, dafür umso mehr Afterhour wie bspw. Sowiesopunkt am Sonntag anbietet. Was steckt dahinter?

Bohnenblust: Vor gut einem halben Jahr begann das Sonntagspartykonzept durch die Leute, die gerne am Tag tanzen und dem Samstagspartystress entkommen möchten. Der Markt wurde aber auch viel grösser und es gehen mehr Leute tanzen und auch häufiger tanzen als noch früher. Mit der Digitalisierung und dem ganzen Stress ist das Tanzen wahrscheinlich eine meditatives und therapeutisches Mittel wieder herunterzukommen. Supermarket ist kein „jeder Veranstalter kann mitmachen“ Club. Man muss sich schon qualifizieren, um bei uns Veranstaltungen durchführen zu können. Deshalb entschied ich mich gegen den Freitag und für mehr Qualität.

Wie siehst Du den Veränderungen im Zürcher Nachtleben entgegen? Was sind die heutigen Herausforderungen an Dich als Clubbetreiber? Elektronische Musik ist schliesslich beliebter denn je und es scheint, als würden alle etwas vom Kuchen abhaben wollen. So spielte zum Beispiel Oliver Huntemann vor ein paar Wochen im Hiltl, ein Club, der nicht gerade für einen solchen Act prädestiniert ist.

Bohnenblust: Zuerst gibt es eine numerische Entwicklung, es gibt mehr Lokale als noch in den 90er Jahren, der Markt ist kompetitiver geworden und spornt die Betreiber an zu neuen Ideen. Zum anderen hat sich das House/Techno Business verändert. Ein Markt, der früher sehr klein war, ist enorm gewachsen und jeder möchte nun eine Scheibe davon abschneiden. Deswegen macht ein Hiltl jetzt auch eine „Underground“ Party, obwohl sie in meinen Augen nicht authentisch sind und nur des Geldes wegen eine veranstalten. Dazu kommt, dass jeder den Beruf DJ für sich entdeckt und mit den technologischen Möglichkeiten heutzutage jeder „pseudo“ Musik produzieren kann. Es gibt aber auch noch viele andere Gründe, bspw. die Aufhebung des Tanzverbots Ende 90er, Zwischennutzungsprojekte in der Immobilienbranche, etc.! Die Herausforderung für uns als Club ist am Ball zu bleiben und bevorstehende Trends herauszufinden. Also nicht erst ein Trend „mitmachen“, sondern neue Trends zu setzen.

Wenn man in einem Menschenleben zurückblickt, sagt man meistens zu einem gewissen Zeitpunkt „that was the best time of my life.“ Welcher Zeitraum wäre dies, wenn man diese Aussage auf das Supermarket beziehen möchte?

Bohnenblust: Ich glaube, die kommen jetzt. Es braucht eine gewisse Reifezeit, bis man es genauso wie in der Vorstellung hinkriegt. Ich bin viel erfahrener geworden, konnte in den letzten Jahren dazulernen, habe neue Kontakte gewonnen und mit der Mietverlängerung nun eine Art zweite Chance bekommen, auf welche ich mich riesig freue. Klar, gab es in den 90er Jahren unglaubliche Momente, die man mit heute nicht mehr gut vergleichen kann, aber heute ist es nicht schlechter, im Gegenteil, die Musik klingt besser, die Soundsysteme sind hochauflösender, bessere Licht- oder Visualeffekte und die Frauen sind schöner – geschminkt zumindest. Zudem gab es damals auch noch nicht so viele Clubs, die auf elektronische Musik ausgerichtet waren.

Und was steht sonst an? Was wird man vom Supermarket in Zukunft noch hören?

Bohnenblust: Unser KV2 Soundsystem hat von Plusmusic Dietikon & Piso AG ein massives upgrade erhalten. Der Sound ist unglaublich gut, warm und druckvoll. Weiter wird das Lichtkonzept überarbeitet und der Eingangs- /Terrassenbereich erhält ein Face Lifting. Ich hoffe im 2015 auch endlich mit dem geplanten Release des Musiklabels Supermarket zu starten. Ein langjähriges Vorhaben und Projekt meinerseits, wofür die Zeit langsam reif wird. Programmtechnisch gibt es auch ein paar Neuigkeiten zu vermelden. Im April kommt Cityfox zu uns mit einem aufs Wesentliche reduzierten Event. Im Sommer wird Sunday Breakfast drei Events bei uns veranstalten, Rundfunk FM kehrt zurück und auch der Freitag wird wieder neu belebt an der Geroldstrasse. Für das eine oder andere Highlight ist auch bereits gesorgt, welches ich an dieser Stelle aber noch nicht verraten möchte.

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