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Während der letzten Tage wurden die Rufe nach einer Schliessung der Clubs immer lauter. Und natürlich wäre es aus rein epidemiologischer Sicht vielleicht das Sinnvollste, die Clubs wieder zu schliessen und das Durchführen von Veranstaltungen wieder zu verbieten. Genauso wäre es aus epidemiologischer Sicht auch das Sinnvollste, alle Restaurants, Supermärkte, Parks, Schulen, Badeanstalten und Büros wieder zu schliessen. Aus wirtschaftlicher, kultureller und auch gesellschaftlicher Sicht betrachtet, erscheint sowas hingegen weniger sinnvoll. Es gilt deshalb, einen ausgewogenen Umgang mit dem Coronavirus auszuloten. Einerseits muss der Pandemie, andererseits aber auch dem Erhalt von Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft Rechnung getragen werden.

Klar, wenn Menschen in geschlossenen Räumen nahe beieinander zu lauter Musik tanzen, sind das gute Bedingungen für die Übertragung von Krankheiten. Die Strategie war es aber nie, Infektionen in Clubs zu verhindern, sondern sie unter Kontrolle zu halten. Zu verhindern versucht man Infektionen beispielsweise mit Masken dort, wo das Contact Tracing nicht möglich ist. So etwa an Demonstrationen oder im öffentlichen Verkehr. Im Club versucht man hingegen, wie bei Restaurants oder Schulklassen, die Anzahl der sich potenziell ansteckenden Personen möglichst zu begrenzen und innerhalb dieser Gruppe auftretende Infektionen mittels Contact Tracing unter Kontrolle zu halten. Die Grenze von 300 Personen, die allenfalls in Quarantäne müssen, wurde dabei als handhabbare Grösse für das Contact Tracing angesehen. Und da liegt das derzeitige Problem: Die Zulassung von Veranstaltungen dieser Grössenordnung kam für die meisten Akteure vollkommen überraschend und unvorbereitet. Es war unklar, wie gut die Richtlinien in die Realität umsetzbar sein würden, wie schnell es zu Infektionsherden kommen würde und wie darauf zu reagieren sei. Dieses Herantasten an diese „neue Normalität“ nach umfänglichen Lockerungen hat für die meisten Branchen und auch uns selbst gerade erst begonnen.

Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass Meldungen über Infektionen zukünftig in allen geselligen Lebensbereichen zur neuen Normalität dazu gehören werden. Egal ob es sich dabei um Schulen, Restaurants, das Militär, Clubs oder andere Begegnungsstätten handelt. Über Fälle in Clubs wird dabei insbesondere aus zwei Gründen besonders publikumswirksam berichtet: Die Quarantänezahlen sind vergleichsweise hoch und Clubs werden grundsätzliche gerne als Sündenpfuhls dargestellt. Ungeachtet der effektiven Infektionszahlen, dem tatsächlichen Verhalten der Gäste oder den professionellen Bemühungen der Branche.

Kontinuierliche Anpassung der Massnahmen

Seit der Öffnung befinden sich Regierung, Clubs und Clubbesucher in einem kontinuierlichen Prozess des Lernens und Verbesserns: Weil die Öffnung so überraschend früh vollzogen wurde, hat man etwa die für September geplante Aufstockung des Zürcher Contact Tracing Teams auf diese Woche vorgezogen. Und schon eine Woche nach der Öffnung wurde die Sperrstunde aufgehoben. Sie führte eher zu mehr, als weniger problematischen Situationen mit grossen Menschenansammlungen. Und als sich wenig später in einem Club die Kontaktdaten als unsorgfältig erhoben herausstellten, definierten Kanton und Clubs gemeinsam entsprechende Kriterien für die Erhebung. Selbst die Entwicklung einer App wurde durch die unermüdlich agierende Bar und Club Kommission aufgegleist, um die Erfüllung dieser Kriterien einheitlich zu realisieren. Nach mehreren Infektionsfällen verzichteten schliesslich gar viele Clubs und Veranstalter freiwillig auf die Durchführung diverser Events, um die Lage zu beruhigen.

Die Event-Branche hat in den letzten Wochen wie kaum eine andere gezeigt, dass sie sich schnell und flexibel auf neue Gegebenheiten einzustellen vermag. Die Möglichkeiten sind dabei auch bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Man könnte bei der Grösse der Contact Tracing Teams, den maximalen Besucherzahlen oder auch beim Club Hopping der Gäste ansetzen. Warum am selben Wochenende mehrere Locations besuchen, wenn man auch nur einen Event besuchen, diesen dafür umso mehr wertschätzen und das so gesparte Eintrittsgeld dort an der Bar ausgeben kann? Es gibt also diverse Schrauben, an welchen Regierung und Clubs noch drehen können, sollten zur Eindämmung der Infektionen weitere Massnahmen nötig sein.

Nur ein solches Ausloten des Machbaren vermag für das Nachtleben einen nachhaltigen gangbaren Weg in die neue Normalität zu ebnen. Eine Schliessung der Clubs kommt hingegen einer Kapitulation vor dieser neuen Normalität gleich. Und bei einer längeren Schliessung würden die Clubs ohne finanzielle Hilfe weder lange überleben können, noch zu einem späteren Zeitpunkt wieder zum Leben erweckt werden. Ist Kultur erst einmal zerstört, kehrt sie nicht so einfach wieder zurück. Erst recht nicht die Clubkultur, zumal es in den meisten Städten kaum mehr bezahlbaren Raum für solche Unterfangen gibt. Die Lokalitäten würden dereinst nicht von jungen, motivierten Kreativen neu belebt. Die Immobilienunternehmen würden krisenresistente Unternehmungen als Nachmieter suchen. Deshalb ist es wichtig, die Clubkultur dabei zu unterstützen, sich in dieser neuen Normalität möglichst aus eigener Kraft am Leben zu halten. Andernfalls nimmt man in Kauf, dieser Kultur und vielen mit ihr verknüpften Existenzen und Künsten den Todesstoss zu versetzen. Und das, obwohl alle beteiligten Akteure derzeit ihr Bestes tun, um dies auf verantwortungsvolle Weise zu verhindern.


Über den Autor

Darrien (Siedepunkt)

Darrien ist seit über 20 Jahren als Techno-Evangelist, DJ und Veranstalter im Zürcher Nachtleben unterwegs. Vielen ist er aber auch bekannt durch seinen lautstarken und tatkräftigen Einsatz für gesellschaftspolitische Themen in Social Media und darüber hinaus. In der neue geschaffenen Kategorie Siedepunkt kommentiert er das aktuelle Weltgeschehen mit Bezug aufs Nachtleben und darüber hinaus.


Titelbild: pexels.de

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