Für den neusten Mix in unserem hauseigenen Podcast dürfen wir heute auf die Dienste eines ganz speziellen Zürcher Künstlers zählen. Seit den frühen 90er Jahren ist Paco aka Risikogruppe als Veranstalter, Musiker und DJ unterwegs. Begonnen hat alles mit dem Organisieren von Events, worauf der 46 jährige Musiker schon bald das Auflegen für sich entdeckte und nun, in Zeiten von Social Media, besonders mit seinem Risikogruppe-Blog und den damit verbundenen Podcasts immer wieder positiv auffällt.

Also eigentlich genug Gründe, dem Mann hinter dem auffallenden Pseudonym ein paar Fragen zu stellen und nebenbei ein munteres, vor sich herschleppendes Wohlfühlset zu geniessen. Wir meinen: Valium-House at it’s best. Was damit gemeint ist, erfahrt ihr sowohl im Mix als auch im anschliessenden Interview.

risikogruppe.wordpress.org
Risikogruppe auf Soundcloud
Risikogruppe auf Facebook


Künstlername: Paco a.k.a Risikogruppe
Kanton: Zürich
Alter: 46
Homebase (Clubs): „
en el chocho de tu mamà“ (Màlaga, E)
Meine Releases:
Aaron 15, Maxim 18 plus noch diverse andere Produktionen für Kunstprojekte

Hallo Paco und herzlich willkommen in unserem hauseigenen Podcast. Was erwartet uns heute in deinem rund 90 minütigen Mix?

Paco: Schlussendlich ist es eine Reise in einem Fernbus geworden, bei der man mit melancholischem Blick durch die beschlagenen Fenster auf die vorbeiziehende Gegend schaut, dabei die Gedanken in die Ferne schweifen lässt und hoffentlich die ruhige Fahrt des stillen Busfahrers mit Migrationshintergrund geniesst. Und mit einer Pinkelpause in der Mitte der Fahrt. Schliesslich will man ja noch das Peace vor der Grenze irgendwo am Körper verstecken, damit es nicht die Zöllner selber wegrauchen.

Deine Sets sind meist temporeduziert und schaffen es mit inhaltvollen Tracks jeweils eine einzigartige Stimmung zu kreieren. Wie würdest Du deinen Stil beschreiben?

Da muss ich kurz ausholen und die Geschichte dazu erzählen. Ich wurde 2007 an die Lethargy eingeladen und durfte dort den „Special Floor“ beschallen. Deshalb hab ich mir ein musikalisches Konzept ausgedacht, welches mit runtergepitchten Tracks (von 128 auf 105 bpm) den angedachten Chill-Aspekt erfüllt. Zuhause klang das nämlich ganz wunderbar deep, chillig und schon fast dubbig, als ich mit diesem tiefen Tempo ‚rumexperimentierte. Ich bin dann davon ausgegangen, dass die Leute an der Party mit dem dazu Mals als extrem langsam wahrgenommenen Sound anfangen zu chillen. Nun ja… ausser die eine Gruppe speed-heads, die aufgebracht zum Dj-Pult stürmte und sich bei mir über den, für sie fast schmerzhaft, superlangsamen Sound beschwerten, musste ich auch erstaunt feststellen, dass die ganze Halle trotzdem am Tanzen war. Die Leute fanden sich irgendwie zurecht mit dem ungewohnt langsamen Tempo und mit der Zeit entstand diese spezielle Valium-Stimmung, die mich augenblicklich faszinierte. Als DJ gibt dir das langsame Tempo auch viel mehr Möglichkeiten verschiedenste Genres und Stimmungen miteinander zu mischen und auch mal eine Atempause beim Aneinanderreihen der Tracks einzulegen, ohne dass sich der Gesamtflow deswegen verstecken gehen müsste.


Seither benutze ich den Begriff „Valium House“


Ich benutze seither den Ausdruck „Valium House“ für meinen Sound und entwickle seit 8 Jahren diesen „Stil“ in meinen Radiosendungen, meinen Podcasts und auch in den Clubs und Parties weiter. Für die Tanzenden natürlich auch etwas schneller als 105 bpm. Ich mag House und Techno. Ich mag Bass, Dub, Chillstep, Trip-Hop, Klassik und Jazz und was weiss ich alles noch. Alles, was halt mein Herz berührt. Warum also nicht all diese Musik in meinen Mix-Sets verwenden, die man auch als Soundtrack für eine Fahrradtour in den anstrengenden Hügeln in meiner Umgebung verwenden kann? Ich schalte eigentlich nur ein paar Gänge runter und lasse den langsamen Schwingungen neuen Entfaltungsraum.

Seit über 10 Jahren betreibst Du die Risikogruppe. In den Anfangstagen vor allem als Veranstalter, seit 2008 auch als Blog. Erzähl mal, was und wer ist die Risikogruppe?

Das Risikogruppe Racing Team bin ich alleine. Ich hab 1992 meine erste Party organisiert und erst 1999, eigentlich unfreiwillig, mit dem Auflegen begonnen. Die ersten Jahre sehr oft in den Chill-Floors grosser Happy People Parties unter meinem Namen Paco. In meinen Anfangszeiten als Veranstalter ging es auch eher darum, mit Freunden etwas auf die Beine zu stellen, damit wir ein geeignetes Setting für unsere Technoleidenschaft hatten. Weil ich soziokulturelle Animation studiert habe, war dann das Organisieren von allerlei Veranstaltungen auch 15 Jahre lang mein Job. Die elektronischen Parties liefen immer privat nebenher. Um das Jahr 2000 herum habe ich dann auf die Leute hinter eve&rave kennengelernt. Ich fand ihre damalige Arbeit für die Szene äusserst sinnvoll (ja, das waren diejenigen, die mit den Pillentestings in der Schweiz angefangen haben). Und die brauchten halt Geld für ihre Projektaktivitäten. So hab ich es mir dann über viele Jahre hinweg zur Aufgabe gemacht, die eve&rave Benefizparties zu organisieren (natürlich immer mit einer kleinen Gruppe von hochmotivierten Menschen an meiner Seite). Diese Veranstaltungen fanden dann auffallend oft in den damalig angesagten, besetzten Gebäuden in Zürich statt. Eine der ersten Parties hiess „Risikogruppe“. Weitere unter diesem Namen folgten, weil sie halt zur anvisierten Zielgruppe passten. Ich hab dann irgendwann mal aufgehört für eve&rave Parties zu organisieren und ein paar Jahre später mich für das Zürcher Webradioprojekt Audioasyl eingesetzt und in Friedas Büxe, Exil, Cabaret und anderswo deren Parties mitorganisiert. Zumal ich ja auf audioasyl.net auch meine monatliche Radiosendung hatte.

Parallel mit eigenen Veranstaltungen in Basel (u.a. in der Satisfactory und auf dem nt-Areal), Zürich (Cabaret Club) und in meiner Homebase in Màlaga, Spanien, hab ich ab 2008 zudem mit dem Risikogruppe Blog begonnen, um nebst der Musik von befreundeten Live-Acts und Djs, die ich toll fand, auch meine eigenen Radiosendungen unter diesem Namen präsentieren zu können. Und so ergab es sich, dass mein eigener musikalischer Output je länger je mehr unter diesem Namen bekannt wurde.

Der Risikogruppe Blog gibt mir die Möglichkeit einfach mal auszuprobieren, was so geht und wie Social Media funktioniert. Ich hab mich und mein Tun nie wirklich zu ernst genommen und hab das alles auch immer durch die ironische Brille betrachtet. Da ich persönlich nie so auf Personenkult stand, empfand ich es immer als sehr angenehm, eine anonyme Gruppe vorschieben zu können, um nicht als Einzelmaske aufzufallen. Du bist als virtuelle Gruppe viel freier in den Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks. Ich spiele auch lieber 5 Stunden auf dem zweiten Floor als eine Stunde auf dem Mainfloor. Man bekommt so zwar weniger Aufmerksamkeit, hat dafür die Möglichkeit viel länger seine Lieblingsmusik vorzuspielen.


Heute sind meine meisten ZuhörerInnen in über 20 Ländern beheimatet.


Ganz langsam, mit jeder neuen Radiosendung, die als Podcast im Netz erschien, hab ich mir eine weltweite Fanbase aufgebaut. So wurden bald auch andere Netzaktivisten auf mich aufmerksam und haben meine chilligen Sets verbreitet. Allen voran das Kraftfuttermischwerk, einer der meistgelesenen Blogs im deutschsprachigen Raum, welches am meisten für meine kleine und bescheidene Bekanntheit gesorgt hat. In Deutschland sind heute, nebst in den USA, Kanada, Russland, Dänemark, in der Schweiz und in über 20 weiteren Ländern, die meisten ZuhörerInnen beheimatet. Aktuell hab ich mit all meinen Podcasts so um die Viertelmillion plays auf Soundcloud. Tendenz steigend…

Und wie entstand überhaupt die Idee, ein solches Projekt in Angriff zu nehmen?

Der Risikogruppe Blog war eigentlich für mich als persönliches, kleines Versuchsfeld gedacht. Ich sinnierte im Jahr 2007 über ein Projekt im Netz nach und wollte so für mich selber rausfinden, ob mir das fokussierte Arbeiten rund um die Musik auf Dauer überhaupt Spass bereiten könnte. Nun, der Spass mit dem Blog blieb über all die Jahre. Den Aufwand behalte ich so gut es geht tief und gehe letztendlich dann doch lieber z.B. Pilze sammeln, als dass ich den ganzen Tag für etwas Ruhm und Ehre mir meinen Hintern während dem Sitzen vor dem Bildschirm flach drücken lasse. Trotzdem wächst das Ganze gemächlich weiter. In den letzten paar Jahren hab ich mich trotz allem eher auf die Musik und auf das Zusammenstellen meiner Podcasts konzentriert. Diese Podcasts haben mich schon mehrere Male nach Frankfurt, nach Berlin und immer wieder nach Spanien gebracht, was ich auch ganz nett finde.

Welche Projekte stehen sonst so an?

In Würde älter werden, was schon Projekt genug ist und mich nebenbei auf die vielen Anfragen nach weiteren Podcasts freuen.

Lass uns ein wenig über Musik sprechen. Gibt es einen Track, welcher dich seit deinen Anfangstagen immer wieder begleitet?

John Cage – 4’33“

Welchen Track hörst Du in letzter Zeit besonders oft? Warum?

Da hab ich keine Favoriten. Auch wenn ich es liebe, ständig nach neuer Musik zu jagen, suche ich doch immer mehr die absichtsvolle Stille.

Abgesehen davon kann ich mir leider keine Namen merken. Klingt doch eh alles gleich: bumm, bumm, n-ts, n-ts, n-ts.. ^_^

Vielen Dank!



DOWNLOAD

01) Radar (Michael Mayer Remix) – Hauschka
02) Gyre – Neonis
03) Limber – Recondite
04) Brown Paper Bag (The Marx Trukker’s Balearic Drumshape) – The Marx Trukker & Herzel
05) De Natte Cel – Seth Troxler & Tom Trago
06) Castaneda – Tagir Sadyrbaev & Alexey Orlov
07) Follow the Path Follow the Street – Gregory Uppleton
08) Hangover (Mira & Chris Schwarzwalder Remix) – Jacob Groening
09) Acapellan (Donato Dozzy Remix) – Jonsson & Alter
10) Stem – Galcher Lustwerk
11) Water – Days of Funk
12) Eulogy To Eunice (Panorama Channel Edit) – Acid Pauli
13) Lunar – Neonis
14) Deep Cover (Vincenzo Remix) – Dirt Crew
15) Granule – Doyeq
16) Always Something – Sensual Physics
17) Nailed Scale (Auntie Flo remix) – My Dry Wet Mess
18) Nightshifts – Phon.o


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4 Kommentare

  1. Gibt es eine Tracklist?
    Ich wüsste zu gerne wie der Track ab 30 min heißt 😉
    Liebe grüße

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